Julia Franck: Die Mittagsfrau
"Die Mittagsfrau" von Julia Franck ist ein gelungenes Buch, das die Schwingungen der jeweiligen Jahrzehnte sehr emotional und persönlich wiedergibt.
Helene und Martha wachsen in einem gutbürgerlichen Haushalt in Bautzen
auf. Ihre Mutter leidet schwer an Depressionen und der Vater kommt
als Invalide aus dem 1. Weltkrieg zurück. Als er kurze Zeit später
stirbt, verlassen die Schwestern ihr Elternhaus und ziehen zu einer
betuchten Tante nach Berlin. Es sind die 1920er Jahre und Helene und
Martha genießen ihr Leben in vollen Zügen.
Martha experimentiert mit
Drogen und lebt offen mit ihrer Freundin zusammen, Helene, die jüngere,
lernt Carl Wertheimer kennen, einen Philosophie-Studenten aus gutem
Haus. Die beiden verlieben sich unsterblich ineinander und Helene zieht
bei ihm ein. Leider ist das Glück nur von kurzer Dauer, denn Carl stirbt
bei einem Unfall und Helenes Welt bricht zusammen …
Julia Franck ist
ein sehr emotionales Buch über eine bewegte Ära gelungen. Dabei spannt
sie die Klammer vom 1. Weltkrieg bis in die 1950er Jahre. Doch wie
die Zeit, so ergeht es auch den Schwestern. Angefangen in der familiären
Enge des ausgehenden wilhelminischen Zeitalters und dem Tod des Vaters,
erfahren Helene und Martha die 1920er Jahre mit all ihrem bourgeoisen
Pomp und der Ausgelassenheit des Bürgertums. Mit dem Tod von Carl wird
die Zeit der NS-Herrschaft mit ihrem Rassismus und ihrer Ungerechtigkeit
eingeläutet, anschaulich dargestellt am weiteren Schicksal Helenes.
Und es ist nur konsequent, dass die Autorin ihre Heldin nach dem 2.
Weltkrieg symbolisch einen Strich unter ihr bisheriges Leben ziehen
lässt und alles, einschließlich ihres Sohnes, zurücklässt, um in der
„Stunde Null“ ganz von vorne anzufangen.
Ein wirklich gelungenes Buch,
das die Schwingungen der jeweiligen Jahrzehnte sehr emotional und persönlich
wiedergibt. Hut ab.
Rezension von Silke Schröder
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