Wally Lamb: Die Stunde, in der ich zu glauben begann
Wally Lamb gelingt mit "Die Stunde, in der ich zu glauben begann" eine herzergreifende, realistische und mit viel Gefühl erzählte Geschichte.
Caelum Quirk ist Highschoollehrer. Zusammen mit seiner Frau Maureen zieht er von Connecticut nach Littleton in Colorado, um nach einer Ehekrise noch einmal neu anfangen. Beide bekommen Jobs an der Columbine High School, Caelum als Englischlehrer, Maureen als Krankenschwester. Doch durch den Amoklauf im April 1999 verändert sich alles für die beiden. Während Caelum am Tag des Schulmassakers bei der Beerdigung seiner Tante in der alten Heimat ist, erlebt Maureen die furchtbaren Stunden hautnah mit, versteckt in einem Klassenschrank.
Nach der erschütterten Erfahrung ziehen sie zurück nach Connecticut in das Haus der verstorbenen Tante. Maureen durchlebt eine schwierige Zeit, nimmt regelmäßig zu viele Tabletten, überfährt völlig zugedröhnt einen Menschen und landet im Gefängnis - ausgerechnet in jenem Frauenknast, den Caelums Ur-Ur-Großmutter vor Generationen als Mädchen-Besserungsanstalt leitete. Aber auch Caelum hat mit seinen Dämonen zu kämpfen. Nicht nur, dass er Tag und Nacht für die Arztrechungen seiner traumatisierten Frau arbeiten geht, er findet auch so manche Leiche in seinem Keller und lüftet ein Geheimnis, vor dem seine Tante ihn immer beschützen wollte.
Wally Lamb ist ein Meister der fabulösen Erzählkunst. Kaum jemand schafft es, eine so opulent ausgeschmückte und dramatische Geschichte zu erzählen, in die noch jede Menge weitere Geschichten und Anekdoten eingeflochten sind. In einem einfühlsamen und anspruchsvollen, aber dennoch leicht lesbaren „Schmökerstil“ beschreibt er das Leben eines Ehepaars, das trotz schwerer Schicksalsschläge seinen Weg geht. Ausgehend von den Ereignissen an der Columbine High School, die sich gerade zum zehnten Mal jähren, setzt sich Lamb mit der lang anhaltenden Wirkung von traumatischen Erinnerungen bei den Opfern solcher Verbrechen auseinander.
Nicht der Amoklauf selbst steht dabei im Mittelpunkt, sondern die Geschichte eines Mannes, der durch seine Erlebnisse am Ende etwas kennenlernt, an das er glauben kann. Dabei geht es dem Autor nicht um religiöse Glaubensbekenntnisse, sondern um die Frage, ob im Leben ein „göttliches Schicksal“ oder doch eher die Chaostheorie das Sein bestimmt.
Auch wenn die mehr als 700 Seiten des Wälzers vielleicht erst einmal etwas abschreckend wirken, versinkt man schnell in der faszinierenden Geschichte – nicht nur, weil „Die Stunde, in der ich zu glauben begann“ durch den Amoklauf von Winnigen im März 2009 eine neue, grausame Aktualität gewonnen hat. Wer John Irving mag, sollte an Wally Lamb auf keinen Fall vorbeigehen. Herzergreifend, realistisch und mit viel Gefühl.
Sehr empfehlenswert ist auch das Interview, das Lamb dem Stern anlässlich des Winninger Amoklaufs gegeben hat.
Wally Lamb, geboren 1950, wurde durch seine beiden Romane Die Musik der Wale (1998) und Früh am Morgen beginnt die Nacht (1999), die in 15 Ländern erschienen, auch bei uns zum Bestsellerautor. Lange Zeit als Englischlehrer an einer Highschool an der Ostküste der USA tätig, gibt Lamb seit einigen Jahren in einem Frauengefängnis Kurse in Creative Writing und setzt sich auch politisch für eine Verbesserung der Bedingungen der Gefangenen ein. Wally Lamb hat drei erwachsene Söhne und lebt mit seiner Frau in Connecticut, USA.
Rezension von Silke Schröder
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