Joshua Ferris: Mein fremdes Leben
MEIN FREMDES LEBEN von Joshua Ferris ist ein intelligenter Roman, der lustig, nachdenklich, tragisch und erfrischend selbstironisch ist.
Zahnarzt Paul OâRourke ist ein gemachter Mann; seine Praxis an der Park Avenue im Herzen New Yorks lĂ€uft bestens. Doch privat weiĂ er nicht so richtig etwas mit sich anzufangen. Er liebt sein iPhone, die âIch-Maschineâ. Obwohl er das Internet ablehnt, sucht er stĂ€ndig nach seinem Namen. Er mag Baseball, findet die Siege seines Red Sox-Lieblingsteams jedoch unertrĂ€glich. Er ist Atheist, setzt sich aber stĂ€ndig mit Gott und der Welt auseinander. Genauso uneinheitlich verhĂ€lt er sich seinen Mitarbeiterinnen gegenĂŒber. Mal freundschaftlich, dann wieder kĂŒhl untersetzt.
Da er es ablehnt, sich als Zahnarzt im Internet zu prĂ€sentieren, unterhĂ€lt er weder eine Webseite noch ein Facebookkonto. Doch dann muss er feststellen, dass ein Fremder dies bereits fĂŒr ihn erledigt hat. Und sogar in den Sozialen Medien in seinem Namen schreibt. Und auch hier reagiert Paul ambivalent:
Er ist entrĂŒstet, lĂ€sst sich aber auf eine Diskussion mit dem Fremden ein. Zumal sein Alter Ego, der Online-Paul, in vielen Bereichen weitaus sympathischer wirkt, als der echte. Auf der Suche nach dem geheimnisvollen Fremden vernachlĂ€ssigt Paul immer mehr sein reales Leben. Und stĂŒrzt sich in die digitale Welt.
Mein fremdes Leben
In seinem dritten Roman „Mein fremdes Leben“ beschĂ€ftigt sich Joshua Ferris mit einem Zahnarzt in seinen DreiĂigern. Der es sich im Leben nicht einfach macht. Beruflich erfolgreich, aber sonst ohne klare Entscheidungen laviert er sich so durch. Und fragt stĂ€ndig nach Sinn und Ziel des Lebens â was jedoch nicht heiĂt, dass er es auch wirklich Ă€ndern wollte. Aber: Muss man denn tatsĂ€chlich allem eine Richtung geben, ist die Zugehörigkeit zu dieser oder jener Gruppe am Ende von Bedeutung? Der Autor macht die WidersprĂŒchlichkeiten seiner Figur an vielen Diskussionen fest, die er mit viel Humor, aber durchaus auch mit Ernsthaftigkeit beschreibt.
So setzt sich der ĂŒberzeugte Atheist mit dem Christentum (wegen der frĂŒheren katholischen Freundin). Und dem Judentum (wegen der anderen, jĂŒdischen Ex) auseinander. Er tritt aber weder der einen, noch der anderen Glaubensrichtung bei. Und wie steht es um die Differenz zwischen dem Bild. Das wir selbst von uns haben und dem, das die AuĂenwelt von uns sehen soll? Wie viel Darstellung meines Selbst liegt im digitalen Ich?
In Joshua Ferrisâ Story ĂŒbernimmt erst einmal jemand anders Pauls digitales Abbild. Dies bewirkt zu seiner eigenen Ăberraschung auch VerĂ€nderungen bei ihm selbst. Ein spannendes Gedankenexperiment, das Anlass zum Nachdenken ĂŒber unser eigenes Verhalten in den sozialen Netzwerken gibt. „Mein fremdes Leben“ von Joshua Ferris ist ein intelligenter Roman. Der lustig, nachdenklich, manchmal etwas tragisch. Aber stets erfrischend selbstironisch ist.
Joshua Ferris wurde 1974 in Illinois geboren. Sein erster Roman âThen We Came to the Endâ, dt. âWir waren unsterblichâ, (2007) erschien in 24 LĂ€ndern. Es wurde mit dem Hemingway Foundation/PEN Award ausgezeichnet und fĂŒr die Shortlist des National Book Award nominiert. Joshua Ferris lebt mit Frau und Kind in New York.

© Luchterhand
Literaturverlag
384 Seiten
29. September 2014
ISBN: 978-3630874500
Original:
To Rise Again at a
Decent Hour
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