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Montag, 11. September 2017

© Fischer Verlage
224 Seiten
24. August 2017
ISBN: 978-3103972429
Original: Histoire
de la violence

Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt

Mit IM HERZEN DER GEWALT wagt Édouard Louis einen tiefen, sprachlich virtuosen Blick in die psychischen Folgen einer sexuellen Gewalttat, dessen Opfer hier ein Mann ist.

Es ist Weihnachten, Heiligabend. Édouard hat mit seinen schwulen Freunden gefeiert und ist im nächtlichen Paris auf dem Heimweg, da spricht ihn ein Unbekannter an. Attraktiver Typ, muskulös, charmant, hartnäckig. Eigentlich will er ja nichts mit ihm anfangen, aber Édouards Widerstand schmilzt mit jedem Meter bis zur Haustür; er kennt das schon. Was folgt, ist eine wild-romantische Nacht - und sie nimmt ein jähes, gewalttätiges Ende. Traumatisiert und ratlos fragt er sich, wie das nur geschehen konnte. War er so geblendet, dass er die Gefahr nicht kommen sah? Und wie soll er diese ebenso normale wie widersprüchliche Geschichte von Gewalt und eigenem Begehren erklären, sich selbst, der Polizei, den Freunden, der ahnungslosen Familie? Welche Version der Nacht stimmt? Édouard mag seinen eigenen Wahrnehmungen und Erinnerungen nicht mehr trauen und muss feststellen, dass für ihn der Kampf erst jetzt beginnt: Der Kampf um die eigene Wahrheit und die Verarbeitung des Geschehenen.

Édouard Louis, der 2014 mit „Das Ende von Eddy“ ein fulminantes Erstlingswerk hingelegt hat, beginnt seine neue Geschichte „Im Herzen der Gewalt“ nur wenige Stunden nach einer Gewalttat. Detailliert, intim und sprachlich virtuos beschreibt er, wie sein Held, der - Zufall? - erneut seinen eigenen Vornamen trägt, versucht, mit dem Geschehenen fertig zu werden: rational, emotional und ganz praktisch. Wie die eigene Wohnung betreten, wenn der Geruch des Täters noch in der Luft hängt, warum einen Gerichtsprozess durchstehen, wenn man doch nur vergessen will? Vor allem aber geht es Louis um die Erinnerung und Selbstvergewisserung des Opfers: Was ist eigentlich wirklich in dieser Nacht geschehen, welchen Anteil daran hatte womöglich Édouard selbst? Der Autor nutzt dazu drei sprachliche Ebenen: Die eigene Erinnerung seines Helden, seine Schilderung der Ereignisse im nüchternen Polizeiverhör und die Sicht seiner Schwester auf die Dinge. Letzteres nicht ohne Grund, geht es doch hier erneut, wie im „Ende von Eddy“, auch um den scheinbaren Gegensatz zweier völlig verschiedener Welten: die der aufgeklärten, bürgerlich-städtischen Moderne, in die sich das schwule Dorfkind Édouard glücklich flüchten konnte, und die der „einfachen Männer“ (und Frauen), wie es sie nicht nur abseits der Metropolen überall noch gibt; in diesem Fall ist es das verarmte Nordfrankreich. Mit „Im Herzen der Gewalt“ wagt Édouard Louis einen tiefen Blick in die psychischen Folgen männlicher Gewalt, gern auch für den Hetero-Mann, hervorragend übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel.

Édouard Louis ist 24 Jahre alt. Sein autobiographischer Debütroman ›Das Ende von Eddy‹, in dem er von seiner Kindheit und Flucht aus prekärsten Verhältnissen in einem französischen Dorf erzählte, sorgte 2015 für großes Aufsehen. Das Buch wurde zu einem internationalen Bestseller und machte Louis zum literarischen Shootingstar. Sein zweiter Roman ›Im Herzen der Gewalt‹ erscheint in über 20 Sprachen und wird verfilmt. Édouard Louis lebt in Paris.

Rezension von Silke Schröder

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